«Kein einziges Tier der ganzen Erde ist der vollsten und ungeteilsten Achtung,  der Freundschaft und Liebe des  Menschen würdiger als der Hund.» Alfred Brehm

Für mich ist es ein großes Vergnügen, meinem Hund mit Herz und Verstand ein Begleiter durchs Leben zu sein. Die Rollen sind klar verteilt, ich bin der Rudelführer , wir beide sind  Teile des gemeinsamen Rudels, bestehend aus meiner sechsköpfigen Familie und einer Freundin mit ihren Töchtern, die mein Hund offensichtlich ins Herz geschlossen und dem Rudel eingemeindet hat. „Mit Herz“ meint, dass ich meinem Hund tief verbunden bin, wie er mir verbunden ist. „Mit Verstand“ heisst, dass ich ihn als Hund sehe, mit all seinen Eigenschaften, mit seinen Verhaltensweisen, die ursprünglich im Wolf gründen, seinem Urahnen. Hier muss ich die Grundausstattung seines Seins verorten. Hier hat er trotz aller menschlichen Zucht seine elementaren Bedürfnisse her, hier muss ich beginnen, wenn ich diese Bedürfnisse wirklich stillen will. Diese Einstellung hilft mir z.B. die Begegnungen meines Hundes mit meinen Mitmenschen und den Mithunden angenehm und unproblematisch zu gestalten. Unerwünschtes Verhalten von allen Seiten zum Positiven zu wenden, weil ich erkennen kann, welchen Gemütszustand mein Hund oder sein Gegenüber gerade hat. Aggressives Verhalten von Dominanz zu unterscheiden, Unsicherheiten zu erkennen, das Richtige zu tun, was mein Hund von mir als Rudelführer auch erwartet. So kann ich mich an seiner meist entspannten Art freuen, die er in den Begegnungen mit anderen Hunden und Menschen an den Tag legt, seine selbstsichere und nur sehr selten zu dominante Art und Weise, wenn er seinen Artgenossen begegnet, an seiner Art mit anderen Hunden zu spielen und die Welt immer wieder aufs Neue zu erkunden.

 

Viel zu diesem Annehmen einer Rolle als Sicherheit gebender „Rudelführer“ kann man bei Eberhard Trumler nachlesen. Meine Lese-Empfehlung, die hilft, uns und unsere Hunde besser zu verstehen. Hier eine Leseprobe aus „Der problematische Hund“: 

 

Was ist natürliches Aggressionsverhalten?

Allen Tieren ist nach Konrad Lorenz ein angeborener Aggressionstrieb eigen, der normalerweise durch Hemmzentren im Gehirn blockiert wird. Antrieb und Hemmung liegen im Bereich des Zwischenhirns; die Hemmungen können überdies durch Erfahrung (Selbstdressur) oder vernunftvolle Ausbildung (Fremddressur) verstärkt werden. Im Großhirn, das eine Kontrollfunktion ausübt, sind sie gespeichert. Die Fähigkeit zur Aggression dient zunächst der innerartlichen Kommunikation, das heißt, ein ranghöherer Hund beantwortet Fehlverhalten eines Rangniederen mittels abgestuft starkem Aggressionsverhalten. Ebenso wird das eigene Territorium gegen Artgenossen mit Hilfe des Aggressionstriebes verteidigt. Außerdem dient dieser Trieb der Selbstverteidigung gegen andersartige Feinde, sowie der Verteidigung der Jungen oder schwächerer Artgenossen.

....

Was also tut so ein Wolfsrüde, dessen Wölfin gerade Welpen säugt, wenn ein ihm fremder Mensch das Gehege betritt und sich dem Lager nähern will? Nehmen wir an, das Lager ist zehn Meter von der Gehegetür entfernt, die Person ist eingetreten. Zunächst stellt sich der Rüde vor das Lager und zwar so, dass er es mit der Breitseite seines Körpers abschirmt; dabei beobachtet er den Fremden aus den Augenwinkeln. Nun macht der Mensch einen Schritt auf das Lager zu. Jetzt blickt der Rüde dem Mann erhobenen Hauptes voll ins Gesicht, seine Rute hebt sich um einige Zentimeter an.

Der Mann macht noch einen Schritt vor. Der Wolf bekommt ganz starre Augen, seine Rute geht noch höher, die Beine strecken sich durch.

Nun der dritte Schritt: Die Maulwinkel des Wolfes ziehen sich zurück, am Nasenrücken erscheinen erste Falten, der Kopf wird noch höher gehalten, wobei die durchgestreckten Beine den Rumpf so hoch als möglich heben; die Rute steht jetzt senkrecht.

Vierter Schritt: Der Rüde zieht die Maulwinkel ganz weit zurück und hebt sie ein wenig an. Die Falten am Nasenrücken verstärken sich und die Schneidezähne werden sichtbar, dahinter die Fangzähne. Das Nackenfell sträubt sich und lässt den Hals noch dicker erscheinen.

Nun macht der Fremde den fünften Schritt nach vorne. Jetzt entblößt der Wolfsrüde die ganze Pracht seines Gebisses und zeigt auch auf der Stirn Falten, was ungemein drohend wirkt, auch auf uns Menschen, da wir unsere Drohmimik mit der aller höheren Säugetiere in den Grundzügen teilen. Hinzu kommt, dass sich nun auch die Haare auf der Mittellinie des Rückens senkrecht stellen und eine hohe Bürste bilden, die im Verein mit der ganzen hochgereckten Körperhaltung den Wolf ganz unangenehm groß erscheinen lassen.

 

(Einen Teil dieses Verhaltensrepertoirs kann man auf meinen Bildern aus einem Wolfsgehege in Dörverden sehen) 

 

Spätestens hier wird ein intelligenter Mensch ganz sanft auf den Rückwärtsgang kuppeln und langsam, rückwärtsschreitend die Türe zu erreichen suchen. Unser Fremder aber ist unheilbar blöd und geht den sechsten Schritt vor. Im Zwischenhirn des Wolfes macht es bereits deutlich Klick - wieder hat da eine für die Aggressionsblockade zuständige Zelle abgeschaltet, was dem Wolf erlaubt, seinen Aggressionsvorrat stärker wirken zu lassen, was sich in einem dumpfen Knurren äußert. Noch nicht sehr laut, aber deutlich. Siebenter Schritt: Die Zähne sind bis auf das Zahnfleisch entblößt, die Kiefer werden geöffnet, die Muskeln der sich sanft niedersenkenden Hinterhand werden zum Sprung angespannt.

 

Achter Schritt: Der Fremde liegt rücklings am Boden, umgerissen von der Wucht eines kraftvoll vorgeschnellten 120-Pfund-Körpers, niedergedrückt von den auf seinen Schultern aufgestützten Vorderpranken. Der weit geöffnete Rachen des Wolfes droht mit 42 Zähnen in unheilvoller Nähe des schutzlos preisgegebenen Menschen.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, der Mann ist ein Volltrottel und schlägt mit den Fäusten auf den Wolf ein. Oder er besitzt wenigstens einen letzten Funken von Instinkt. Im ersteren Fall drückt der Wolf seine Zähne beherrscht, aber deutlich spürbar in die Halshaut des Fremden.

Das ist nämlich das Unwahrscheinliche: Wäre er ein Wolf aus freier Wildbahn, erwachsen eingefangen und eingesperrt, mit der natürlichen Angst vor dem Menschen, würde er spätestens jetzt die Kehle einfach durchbeißen. Er tut es aber deswegen nicht, weil er keine Angst vor Menschen hat, weil er, handaufgezogen, bislang nur Gutes von ihm erfahren hat, und so begnügt er sich mit dieser letzten Beißdrohung.

Versucht der unterlegene Mensch aber, sich weiterhin mit Händen und Füßen zu wehren, dann bleibt auch dem verständnisvollen Wolf nichts anderes übrig, als auch diese Erfahrungen in seinem Großhirn abzuschalten und die letzte Hemmzelle seines Zwischenhirns auszuklinken. Was folgt, tut wahrscheinlich gar nicht besonders weh, da die Nervenleitungen und Blutbahnen schlagartig unterbrochen werden.

Im anderen Falle, wenn der Eindringling regungslos liegenbleibt, ticken die letzten Zellen im Zwischen- und Großhirn weiter, der Rachen schließt sich nicht um den Hals. Der Fremde erzählt nun dem Wolf, dass er ein ganz lieber, ein ganz braver Wolf sei - mit leiser, sanfter Stimme, versteht sich, und schaut, so gut er kann, zur Seite, um auszudrücken, dass er nichts Böses wollte.

Die beruhigende Stimme, die regungslose Körperhaltung üben nun eine interessante Wirkung aus. Die Hemmzentren des Wolfes nämlich haben zwar die Aggression bis hierher freigegeben. Aber da nichts weiter passiert, ermüden die Zellen des Aggressionsbereiches, sie laufen wie verbrauchte Batterien aus, und die Hemmzellen klinken sich nach und nach wieder ein, um die gewohnte Ordnung wieder herzustellen.

Demzufolge entfernen sich die drohend geöffneten Kiefer nach und nach immer weiter von der Kehle, und so, wie sie der Reihe nach aufgetaucht sind, bilden sich die Ausdrucksweisen in umgekehrter Reihenfolge wieder zurück; nach einiger Zeit steigt der Rüde sogar von den Schultern des Überwältigten. Für den mag das wie eine Ewigkeit währen, aber es sind nur Minuten, vorausgesetzt, dass er sich weiter regungslos verhält, denn immer noch sind die Blicke des Wolfes haarscharf beobachtend auf ihn gerichtet, und immer noch ist alles in Bereitschaft, die Drohverhaltensweisen wieder zu reaktivieren.

 

 

Der oben stehende Text schildert eine scheinbar extreme Situation. Sie beinhaltet jedoch ganz viele Elemente der Hundesprache, die zu kennen und beachten unsere Pflicht als Hundehalter ist. Wie sonst sollen wir eine „aufgeladene“ Situation richtig deuten können. Den Moment richtig einzuschätzen, wenn z.B. 2 Rüden sich begegnen, die sich im besten Fall freudig begrüßen, im nicht seltenen Fall aber mit dem inneren Antrieb, die Begegnung zu dominieren oder der Dominanz des Gegenüber richtig zu antworten. An der Leine meist ein unmögliches Unterfangen für den Hund, mit einem Schwäche zeigenden, nervösen „Rudelführer“ an seiner Seite noch schwieriger. Hier heißt es die Zeichen (Frontalstellung, Rücken- oder Nackenbürste, Großmachen usw.) schnell korrekt zu deuten und überlegt zu handeln. Als eingeschworenem Team wird einem dies mit dem eigenen Hund in den allermeisten Fällen gelingen. Besonders dann, wenn wir unseren „Besten Freund“ als das sehen was er ist, ein Hund mit dem Erbe großartiger Ahnen.